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Wenn jede Sekunde zählt: Wie Mitarbeitende im Notfall richtig handeln lernen

16.05.2026

Nothilfe im Unternehmen: Warum Mitarbeitende im Notfall zögern – und wie sie richtig handeln

Silvan unterrichtet seit 2022 Nothilfekurse und führt jährlich rund zehn Kurse durch, vor allem in den Regionen Aargau und Basel. In seiner Arbeit vermittelt er nicht nur medizinisches Grundwissen, sondern setzt sich auch intensiv mit der Frage auseinander, wie Menschen in Notfallsituationen tatsächlich reagieren. Seine Erfahrungen aus zahlreichen Kursen und realen Einsätzen geben spannende Einblicke in typische Verhaltensmuster und Herausforderungen im Ernstfall.


Wie reagieren Mitarbeitende typischerweise in einer echten Notfallsituation?
Ich denke, ein Grossteil der Leute reagiert erst einmal mit Überraschung und ein bisschen Unsicherheit. Danach gibt es – je nachdem – zwei Wege: Entweder versuchen die Menschen, das Beste zu machen, oder sie fühlen sich nicht verantwortlich bzw. überfordert und ignorieren die Situation oder geben die Verantwortung ab. Typischerweise reagiert ein grosser Teil der Bevölkerung oder auch der Mitarbeitenden leider eher mit diesem Abgeben von Verantwortung.

Nach dem Besuch eines Kurses oder generell, wenn genügend Wissen vorhanden ist, reagieren aber einige auch mit sehr viel Engagement und versuchen, das Beste zu machen.


Was sind die grössten Hemmungen, die Menschen davon abhalten, zu helfen?
Die grössten Hemmungen sehe ich in der Angst, etwas Falsches zu machen, aber auch darin, dass die Leute oft denken, dass jemand anderes helfen könnte. Der sogenannte Bystander-Effekt ist sehr gut erforscht und einer der grössten Gründe, warum Menschen nicht helfen.


Wie kann man diese Hemmungen gezielt abbauen?
Um diese Hemmungen abzubauen, braucht es vor allem mehr Wissen. Meiner Meinung nach sollten Nothilfekurse nicht nur fürs Autofahren obligatorisch sein, sondern bereits in der Schulzeit mehr medizinische Bildung vermittelt werden.

Zudem versuche ich aktiv, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie helfen sollen und müssen, da andere dies oft nicht tun. So kann man dem Bystander-Effekt entgegenwirken. Es ist wichtig, dass sich Menschen in Notfallsituationen verantwortlich fühlen und ihre Hilfe anbieten.


Welche Rolle spielt Selbstvertrauen in Notfallsituationen?
Selbstvertrauen ist ein zweischneidiges Schwert. Es braucht ein gewisses Mass davon, weil sonst gar nicht geholfen wird. Wenn Menschen ein zu geringes Selbstvertrauen haben, ignorieren sie die Situation oder laufen aus Angst weg.

Ein zu grosses Selbstvertrauen kann jedoch zu Überschätzung führen und dazu, dass Sicherheitsaspekte ignoriert werden. Dadurch bringen sich Helfende selbst in Gefahr. Selbstvertrauen ist also wichtig, sollte aber nicht zur Selbstüberschätzung führen.


Wie wichtig ist es, dass jemand im Team die Führung übernimmt?
Das hängt von der Teamkonstellation ab. Besonders bei wenig oder unterschiedlicher Erfahrung im Team ist es jedoch sehr hilfreich, wenn jemand die Führung übernimmt.

Ich habe selbst eine Reanimation erlebt, bei der kein medizinisches Fachpersonal vor Ort war. Es war extrem hilfreich, dass jemand die Leitung übernommen und klare Anweisungen gegeben hat. So konnte Chaos vermieden und effizient gehandelt werden.


Wie kann man Teams darauf vorbereiten, gemeinsam richtig zu handeln?
Wichtig ist, dass alle Teammitglieder über Basiswissen verfügen und wissen, wie man in einem Notfall handelt. Gemeinsames Handeln funktioniert dann gut, wenn jeder seine Rolle kennt.

Zum Beispiel kann man im Voraus klären, wer den Notruf übernimmt, wer Erste Hilfe leistet oder wer einen Defibrillator holt. Ebenso müssen alle wissen, wo sich wichtige Hilfsmittel befinden.

Ein guter Teamspirit ist ebenfalls entscheidend, damit Menschen bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.


Welche Rolle spielt klare Kommunikation im Ernstfall?
Eine sehr grosse. Klare und effiziente Kommunikation sorgt dafür, dass Massnahmen rechtzeitig umgesetzt werden, nichts vergessen geht und klar ist, wer was macht.

So werden Doppelspurigkeiten vermieden und die Effizienz gesteigert. Gerade bei einer Reanimation verbessert gute Kommunikation die Zusammenarbeit und damit auch die Erfolgschancen.

Auch die Kommunikation mit betroffenen Personen ist wichtig, um schnell herauszufinden, was genau das Problem ist.


Wie können Unternehmen eine Helferkultur fördern?
Ein zentraler Aspekt ist der Teamspirit. Mitarbeitende helfen eher Menschen, mit denen sie sich verbunden fühlen.

Zudem helfen regelmässige Trainings und Übungen in Nothilfe. Ebenso wichtig ist eine Unternehmenskultur, die auf Respekt und gegenseitiger Unterstützung basiert.


Was macht den Unterschied zwischen Zögern und sofortigem Handeln aus?
Vor allem Unsicherheit und fehlendes Wissen. Wenn sich Helfende nicht sicher genug fühlen, zögern sie eher.

Hinzu kommt der Gedanke, dass andere helfen könnten, was ebenfalls zu Verzögerungen führt.


Wie können Kurse dazu beitragen, dass Mitarbeitende mutiger reagieren?
Kurse stärken das Selbstvertrauen und das Verständnis dafür, dass der eigene Beitrag wichtig ist.

Zudem fördern sie den Zusammenhalt, insbesondere wenn sie als Teamevent durchgeführt werden. Sicherheit führt letztlich zu mehr Mut.


Was würdest du einem Team mitgeben, damit es im Ernstfall gut funktioniert?
Ihr seid als Helfende die beste Hilfe, die diese Person in diesem Moment bekommen kann. Es gibt keine bessere Alternative – eure Hilfe ist zentral.

Sprecht euch klar ab, verteilt Aufgaben und haltet euer Wissen in Nothilfe regelmässig aktuell.


Das Interview zeigt deutlich, dass Wissen und Übung entscheidend sind, um in Notfallsituationen richtig zu handeln. Gleichzeitig wird klar, wie stark Unsicherheit und der sogenannte Bystander-Effekt Menschen davon abhalten können, aktiv zu helfen. Umso wichtiger ist es, Selbstvertrauen gezielt aufzubauen und Verantwortung bewusst zu übernehmen. Auch Teamarbeit und klare Kommunikation spielen eine zentrale Rolle, um effizient und strukturiert reagieren zu können. Unternehmen können durch Schulungen und eine starke Teamkultur viel dazu beitragen, diese Kompetenzen zu fördern. Letztlich gilt: Wer vorbereitet ist, handelt mutiger – und kann im entscheidenden Moment einen grossen Unterschied machen.